Und wem hab ich das zu verdanken? Jepp, Charly Seidenraupe gen. der Laminator! Er hat mich durch seine konsequente Art auf den richtigen Weg gebracht.

Angeregt durch eine Diskussion in Maicos Blog "Hauptsache kalt" habe ich mal meinen Weg zum Wattebäuschchenwerfer niedergeschrieben. Und auch mal, um verständlich zu machen, dass ganz viele Hundehalter wahrscheinlich erst mal aus Unwissenheit und durch schlechte Beratung an die leider immer noch praktizierenden Hundeschulen von gestern geraten.

Aber von vorne!

Ich mochte Hunde schon immer – so fangen, glaub ich, die Meisten an, wenn sie über ihre Vorliebe für Hunde sprechen – ist aber eine Tatsache. Also, ich mochte Hunde schon immer.

Den ersten Kontakt zu Hunden hatte ich als Kind in den 1960ern durch meinen Onkel, der damals Airedale-Terrier züchtete und das Tierheim in Osnabrück-Hellern leitete. Mit meiner Freundin fuhr ich manchmal nach der Schule mit dem Fahrrad dort hin, natürlich hauptsächlich, um mit den Hunden zu spielen. Als mein Onkel etwas später eine Hundepension im Sauerland übernahm, verbrachte ich oft einen Teil meiner Ferien dort und half bei der Versorgung der Hunde mit und natürlich auch beim Saubermachen der Zwinger. Um Erziehung der Hunde, geschweige denn um Erziehungsmethoden, machte ich mir zu der Zeit noch überhaupt keinen Kopp.

Zum ersten „eigenen“ Hund kam ich 1972, als ich meinen Freund und jetzigen Mann kennenlernte. Er hatte eine 1 ½ jährige Schäferhündin. Auch da kümmerte ich mich noch nicht um die Erziehung. Rixe gehorchte – sogar mir, wenn Chefe nicht dabei war – und das war für mich das Wichtigste.

Sie war das, was man heute einen Schutzhund nennen würde, allerdings ohne entsprechende Prüfung. Wenn ich mit Rixe unterwegs war, fühlte ich mich absolut sicher, selbst spät abends im Dunkeln. Sie war, wie man so sagt, abgerichtet, parierte aufs Wort, griff auf Kommando an und ließ auf Kommando wieder los (ja, ich fand das damals toll!), war schussfest und …… sie trug ein Stachelhalsband. Ich glaube, damals war das einfach so. Ein Schäferhund trug gefälligst ein Stachelhalsband. Warum? Darüber habe ich zu dem Zeitpunkt nie nachgedacht.

Auch unsere zweite Schäferhündin, wir sind inzwischen im Jahr 1984, wurde nach der alten Methode erzogen, mit Leinenruck usw. Allerdings wurde sie nicht abgerichtet. Sie war kein Schäferhund, sondern eher ein Schaf von Hund. Sie gehorchte, war ausgesprochen lieb und feinfühlig zu den Kindern, warum sich also irgendwelche Gedanken machen, dass diese Erziehungsmethode falsch sein oder dem Hund evtl. schaden könnte. Es funktionierte doch.

Von Hundeschulen hatten wir noch nie was gehört, und wenn es welche gab, arbeiteten die garantiert auf die gleiche Art. Schließlich hatten wir die „Erziehungsmethode“ aus dem Buch „Der deutsche Schäferhund“. Und was in so einem Buch steht, ist schließlich richtig!

Dann, 1995, kam Wanda. Sie war 6 Jahre alt, eine Münsterländer-Chow-Chow-Mix-Hündin und ein Sturkopp, wie er im Buche steht. Männe hatte inzwischen die Nase voll von Hundeerziehung, und da ich mich um die Erziehung bis dato nie gekümmert hatte, holte ich meinen Onkel zu Hilfe. Auch hier kam wieder die übliche Erziehung zur Anwendung: Leinenruck, runterdrücken oder auch mal kurz kneifen, wenn sie nicht Sitz machen wollte usw. Und …. es funktionierte. Sturkopp Wanda konnte bei Fuß gehen und, wenn ihr Jagdtrieb nicht wieder ganz und gar mit ihr durchging, kam sie auf Rufen sogar zurück. Sie war lieb, verhielt sich unauffällig und zeigte keinerlei Anzeichen, dass es ihr nicht gut gehen würde. Es war also alles in bester Ordnung.

Tja, und dann kam Sir Charles, seines Zeichens ein Kannja-Rüde, ca. 5 Monate jung, ein Fundhund aus dem Tierheim und waaaaahnsinnig schüchtern. Inzwischen schreiben wir das Jahr 1999 und ich hatte immer noch nichts von alternativen Erziehungsmethoden gehört. Woher auch? Bücher? Internet? Wozu? Es war doch bisher bestens mit den anderen Hunden gelaufen. Irgendetwas ändern? Auf die Idee kam ich gar nicht. Ich wollte aber mit Charly unbedingt in eine Hundeschule.

In dieser Hundeschule wurden die gleichen Erziehungsmethoden angewandt, die ich bisher kannte: Leinenruck & Co. Ich war begeistert, wie schnell Charly lernte. Zwei Monate Welpenschule, dann in die Junghunde-Gruppe und nach ein paar weiteren Monaten in die Erwachsenen- und nebenbei in die Spezialistengruppe (da ging es dann um Dinge wie Hürdenspringen, Flyball, Agility usw., und komischer Weise alles OHNE Druck, sondern nur über Leckerlies. Trotzdem hat es bei mir immer noch nicht klick gemacht.).

In der Erwachsenengruppe ging es weiter wie bisher. Immer nach dem Motto, wer nicht hören will, muss fühlen. Charly machte super Fortschritte, bis er eines Tages anfing „aufzumucken“. Er führte die Kommandos zwar aus, aber nur unter Protest. Jedes Kommando wurde zunächst mit Bellen quittiert. Ich konnte mir daraus keinen Reim machen. Charly war zu der Zeit ca. 2 Jahre alt. „Pubertät!“, winkte der Trainer ab. „Der will dich provozieren. Da musst du wohl noch ein bisschen härter durchgreifen.“

Ich fühlte mich irgendwie nicht wohl bei der ganzen Sache. Da er dieses Verhalten aber nur auf dem Hundeplatz zeigte und zu Hause alles in Ordnung war, ging ich weiterhin dorthin. Inzwischen hatte ich mich ja auch mit anderen Hundeleuten angefreundet und wir machten nach dem Training noch schöne Spaziergänge mit den Hunden.

Und dann war es plötzlich mit der Leinenführigkeit, die sooo toll geklappt hatte, vorbei. Es war nichts mehr zu machen. Außerdem fing er an, sämtliche Hündinnen zu besteigen, egal, ob sie läufig waren oder nicht. Selbst vor kastrierten Hündinnen machte er keinen Halt. Und mit den Rüden stand er nur noch auf Kriegsfuß. In der Hundeschule bekam ich immer nur zu hören: „Du musst härter durchgreifen.“ Ich probierte alles möglich aus, leider, nur wohl nie das Richtige und es machte sein ganzes Verhalten nur noch schlimmer.

Ich wandte mich an meine Tierärztin, ob eventuell eine Kastration helfen würde. Da sie aber einen Hund nicht ohne absolut ersichtlichen Grund kastrieren würde, empfahl sie mir erst mal eine Trainerin, die bei Animal Learn ihre Ausbildung gemacht hatte.

Zu unserem ersten Treffen brachte sie ihre Hündin mit, weil sie Charlys Verhalten beobachten wollte. NATÜRLICH interessierte sich Charly nicht die Bohne für die Hündin. Also, wurde die Kastration erst mal wieder ad acta gelegt. In Absprache mit ihr besuchte ich mit Charly eine ihrer Stunden und schaute mir ihre Trainingsmethoden an. Als erstes fiel mir auf, dass sie eine sehr kleine Gruppe hatte und nicht, wie ich es von „meiner“ Hundeschule kannte, mit 15 – 20 Teams arbeitete. Dann machte sie nach jeder kurzen Trainingseinheit eine Pause, in der die Hunde rennen und spielen durften. Es gab keine Leinenrucks, kein Anschreien, es war überhaupt ein sehr ruhiger und liebevoller Umgang mit den Hunden. Das gefiel mir sehr gut. Im Vergleich dazu erschien mir „meine“ Hundeschule wie ein Kasernenhof.

Tja, und dann „passierte“ es: Es war kein eingezäuntes Gelände und die Hunde verschwanden aus unserem Blick. Alle riefen nach ihren Hunden, aber zunächst kam keiner. Charly war natürlich auch mit gerannt. Ich pfiff – und keine drei Sekunden später kam Charly angewetzt. Freudestrahlend und schwanzwedelnd. Ich war natürlich stolz wie Oskar, lobte ihn überschwänglich und ein Leckerli bekam er natürlich auch.

Und zu welchem Schluss kam ich? Richtig! Die andere Methode ist doch besser, mein Hund hörte schließlich am besten von allen! Dass die anderen gerade erst mal mit dem Training überhaupt angefangen hatten, ließ ich dabei völlig außer Acht.

Ich nahm dann trotzdem ein paar Einzelstunden bei ihr. Es ging um das Verhalten bei Hundebegegnungen. Sie empfahl mir auch ein paar Bücher und sie riet mir dringendst von der anderen Hundeschule ab. Aber irgendwie konnte ich mich immer noch nicht von der anderen Schule trennen, fühlte mich dort aber zusehends unwohler.

Irgendwann verließ ich die Hundeschule dann aber doch und wandte mich bezüglich der schlechten Leinenführigkeit an einen Hundeprofi, dessen Fernsehserie ich gesehen hatte – es war damals seine erste – und die ich toll fand.

Ich schilderte die Probleme einer Kollegin des Hundeprofis. Sie zeigte mir ein Leinenführigkeitstraining und sie war es auch, die ihm diese Hypersexualität bescheinigte und riet zur Kastration. Mit dieser Aussage ging ich dann auch zu meiner Tierärztin, die daraufhin der Kastration zustimmte. Das „Rüdenproblem“ war dadurch natürlich nicht beseitigt, das war auch nicht mein Hauptproblem, ebenso wenig das Problem der Leinenführigkeit, aber seine Aufdringlichkeit bei Hündinnen war weg. Charly war inzwischen übrigens 5 Jahre alt.

Durch einen Zufall kam ich in dieser Zeit in das Forum „Hunde verstehen“. Auch dort schilderte ich meine Probleme mit Charly und berichtete über das Leinenführungstraining von diesem Hundeprofi. Da wurden mir dann zum ersten Mal die Augen geöffnet. Diesen Foris bin noch heute dankbar für ihre absolut freundliche und sachliche Art, mich über diese Art des Trainings aufzuklären.

Ich probierte es dann noch in einer anderen Hundeschule. Die Trainerin hatte ebenfalls ihre Ausbildung bei Animal Learn gemacht. Nach dem ersten Kennenlernen fragte sie mich schon, was ich denn eigentlich wollte. Wir wären doch ein tolles Team. Ich schilderte ihr meine Probleme und wir versuchten es in einer kleinen Gruppe mit insgesamt vier Teams. Aber schon in der ersten Stunde zeigte Charly nach 10 Minuten sein altes Verhalten. Er quittierte erst mal jedes Signal – ich benutzte fortan nicht mehr das Wort „Kommando“, weil es zu sehr nach Kasernenhof klang – mit Bellen.

Nach vier Übungsstunden brachen wir das ganze ab. Die Trainerin war froh, dass ich von selber gemerkt hatte, dass Gruppentraining überhaupt nichts für Charly ist und mir wurde immer mehr klar, dass ICH es eigentlich war, die gerne in eine Hundeschule wollte und nicht Charly.

Ich ließ Training Training sein und traf mich lediglich einmal die Woche mit einer Frau und ihrem Rüden, die ich dort kennengelernt hatte, zu einem lockeren Spaziergang. Diese Spaziergänge waren super entspannend für mich UND für Charly.

Ich löste mich immer mehr von diesen alten Trainingsmethoden und merkte, dass Charly immer entspannter wurde. Mir kam es nicht mehr darauf an, dass er korrekt bei Fuß ging, dass er Sitz, Platz usw. auf ein gebrülltes Kommando machte. Ich führte immer häufiger Sichtzeichen ein – die mir heute sehr zugute kommen – und „arbeitete“ nur noch über positive Bestärkung. Der Rückpfiff – den Ruf hört er ja nicht mehr – klappt wie eine Eins und er bleibt auf ein Handzeichen an meiner Seite, wenn uns andere Hunde an der Leine begegnen.

Fazit – oder lange Rede, kurzer Sinn:

Hätte Charly mich nicht mit seiner konsequenten Art in diese Richtung gestupst, würde ich vermutlich immer noch die alten Methoden anwenden – fürchte ich.

Es war ein langer Weg bis hier hin, und es hat leider viele Jahre gedauert, bis er mich endlich auf der richtigen Spur hatte.

Ich kann mich nur tausendmal bei ihm entschuldigen für das, was ich ihm in seinen ersten Jahren angetan habe und bin ihm unendlich dankbar, dass er mir dieses anscheinend verziehen hat und vor allem, dass er mich auf den richtigen Weg gebracht hat.

Und bei den anderen Drei kann ich mich auch nur noch entschuldigen: Es tut mir leid, ich habe es nicht besser gewusst.

Sam Gamdschie würde sagen, Charly war ein Augenöffner.

So, und jetzt geh ich erst mal ne Runde Charly knuddeln!

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